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03.04.2017   Hoffbauer gGmbH

"So bin ich noch nie befragt worden!"

Gespräch mit Helmuth Caspar Graf von Moltke über seine Eltern Helmuth James und Freya von Moltke

Helmuth Caspar Graf von Moltke am 7. April 2017 auf Hermannswerder

Moltke? Moltke? Ist das der von der Berliner Siegessäule? Nein, nein, nicht um den legendären preußischen Generalfeldmarschall (1800-1891), sondern um seinen Ururgroßneffen geht es an diesem Abend: Helmuth Caspar Graf von Moltke. Den muss man einfach liebhaben.

Am 7. April 2017 setzt er sich in der Aula des Ev. Gymnasiums Hermannswerder, naiv und sympathisch zugleich, in einen Hermannswerderaner Kreis, mit wenigstens 150 besetzten Stühlen. Darauf sitzen Altvordere, Wissende, weniger Wissende und jede Menge Schüler. Die schauen allesamt kritisch und aufmerksam zugleich in dessen Zentrum. Denn da sitzt der 79- jährige Sohn des legendären Ehepaares Helmuth James und Freya von Moltke, wortgewandt und bescheiden zugleich:

„Ich bin kein Widerständler gewesen, dazu war ich damals zu jung. Was ich heute über den ‚Kreisauer Kreis‘ weiß, habe ich mir angelesen und über viele Jahre recherchiert. Und, das weiß ich heute, ich bin sehr, sehr stolz auf meine Eltern!“

Zwölf endlos lange Jahre, von 1933 bis 1945, hat das gesamte deutsche Volk völkisch gejubelt und „Sieg heil!“ gerufen, überzeugt vom „Endsieg“. Mit Ausnahme einer kleinen Minderheit, die Widerstand geleistet hat, todesmutigen Widerstand. Die Namen dieser Helden sind bekannt, u. a. Sophie und Hans Scholl, Claus Schenk Graf v. Stauffenberg, Henning v. Tresckow, „Die rote Kapelle“, um nur einige Namen zu nennen.

Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff „Kreisauer Kreis“? WIKIPEDIA bringt es auf den berühmten Punkt:

„Der Kreisauer Kreis war eine bürgerliche Widerstandsgruppe, die sich während der Zeit des Nationalsozialismus mit Plänen zur politisch-gesellschaftlichen Neuordnung nach dem angenommenen Zusammenbruch der Hitler-Diktatur befasste. Der Kreis, dessen Führungspersönlichkeiten Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg waren, bildete sich im Jahr 1940. Freya von Moltke organisierte mit Gleichgesinnten drei Zusammenkünfte im Mai 1942, Oktober 1942 und Juni 1943 mit dem Ziel, Gesellschaftsentwürfe für eine Nachkriegszeit zu erstellen. Nach der Verhaftung Moltkes Anfang 1944 löste sich der Kreisauer Kreis de facto auf, einige Kreisauer schlossen sich der Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg an. Nach dessen Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 gelang es der Gestapo, die Arbeit des Kreises aufzudecken. Sie nannte die Widerstandsgruppe nach Moltkes Gut Kreisau in Schlesien ‚Kreisauer Kreis‘. …“

Dieses Hintergrundwissen setzt Helmuth Caspar Graf von Moltke vermutlich bei seinen Zuhörern voraus. Er verliert sich nicht in Details, möchte auch kein langes Referat halten, sondern viel lieber ins Gespräch kommen.

Vor allem die Schülerinnen und Schüler des gastgebenden Gymnasiums lassen sich nicht zweimal bitten, sondern bestürmen ihn mit Fragen:

„Was genau hat Ihre Eltern bewogen, Widerstand zu leisten?“ –  „Was halten Sie von der Ethik des Tyrannenmords?“ – „Hätten Sie, wenn es denn erforderlich gewesen wäre, Hitler persönlich beseitigt?“ – „Ist Ihre Familie nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 in Sippenhaft genommen worden?“ – „Hat der ‚Kreisauer Kreis‘ auch Kontakte zu anderen Widerstandsgruppen, insbesondere zu kommunistischen, gesucht?“ – „Hat man Ihre Familie, vor allem Ihre Mutter, nach dem Krieg als ‚Verräterin‘ beschimpft?“ – „Wie haben Sie das Nachkriegsdeutschland erlebt?“ – „Wie ist denn die DDR mit der Widerstandsbewegung des ‚Kreisauer Kreises‘ und der Gruppe um Stauffenberg

umgegangen?“ –  „Standen Sie lebenslang im Schatten Ihres Vaters und wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?“ „Was würden Sie Jugendlichen heute, die auf der Suche nach einer geeigneten Weltanschauung sind, für einen Rat geben?“

Helmuth Caspar Graf von Moltke steht eine volle Stunde lang souverän Rede und Antwort und weicht keiner Frage aus. Nur die akustisch Unverständlichen lässt er sich wiederholen. Seine Anworten kommen gestochen klar, kurz und unmissverständlich: Ja, er wäre zum Tyrannenmord bereit gewesen.

Nein, die Beschimpfung „Verräter“ habe es nicht gegeben, aber das hätte am freiwilligen „Exil“ gelegen, in das sich die Familie 1947 begeben, habe. Er selbst sei in Südafrika augewachsen und habe später in den USA gelebt. Dass er der Sohn eines Widerstandskämpfers gewesen sei, habe ihm da zur Ehre gereicht. Überhaupt, das Attentat vom 20. Juli 1944 sei ganz wichtig gewesen, um der Weltöffentlichkeit zu zeigen, dass es auch ein anderes Deutschland gegeben habe. Nein, die Nähe zum kommunistischen Widerstand habe der Kreisauer Kreis nicht gesucht. Ziel sei es ja gewesen, nach dem Zusammenbruch des NS-Staates eine bessere bürgerliche Demokratie für Deutschland zu schaffen, von christlichen Wertvorstellungen und von europäischem Gedankengut geprägt. Ja, die DDR habe über viele Jahre den Widerstand gegen Hitler nur sehr einseitig rezipiert. Das habe sich aber 1981 mit dem DEFA-Film „Der Leutnant Yorck von Wartenburg“ schlagartig geändert.

Doch gegen 20.30 Uhr schaut der agile 79-Jährige auf die Uhr und auf die Organisatorin des Abends, Frau Dr. Erdmute Nieke: „Wir sollten Schluss machen, so war es vereinbart. Doch eine Antwort liegt mir besonders am Herzen, die nach der Weltanschauung. Meine Eltern waren voller Gottvertrauen. Das hat sie stark gemacht, auch in ganz dunklen Zeiten. Davon zeugen die Briefe, die sie 1944/45 wechselns durften, dank des legendären Gefängnispfarrers der Tegeler Haftanstalt, Harald Poelchau. Und ich kann mich nur wiederholen: Ich bin stolz auf meine Eltern, und zudem überglücklich, dass es seit 1989 in Kreisau eine lebendige Begegnungsstätte gibt, für Kinder und Jugendliche aus ganz Europa. Meine Mutter hat dieses neue Kreisau noch mit aufbauen können, sie ist ja erst 2010 verstorben. Wenn das mein Vater wüsste!

Und noch etwas muss ich als Fazit des heutigen Abends unbedingt loswerden: So bin ich noch nie befragt worden!“

Was für Hermannswerder spricht, für den Geist von Hermannswerder, offen, kritisch, lebensbejahend und Mut machend.

 

Text und Fotos: Andreas Flämig

 


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