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Sieglinde Hartung

Sieglinde Hartung

* 1937 in Potsdam

Ihr Name ist nicht Ingrid und sie liebt es, sich schön zu machen. Oft denkt sie an ihre Zeit als Straßenbahnfahrerin zurück. Sie ist ruhig und beobachtend; man merkt, dass sie noch immer gern alles unter Kontrolle hat.

Wollen Sie erst mal wissen wer wir sind?
Ich heiße Jascha.

Jascha? Ist das ein Mädchenname?

Das geht für Junge und Mädchen. Ich heiße Nora.

Wir haben auch überlegt, wie Sie heißen könnten. Vielleicht Ingrid?

Nicht ganz. Sieglinde.

Worüber haben Sie heute schon gelacht?

Hm. Wenn ich mein schlimmes Bein angucke, kann ich nicht lachen.
Also ich lache über vieles, aber grade fällt mir da nichts ein.

Was brauchen Sie um glücklich zu sein?

Was ich brauche? Gute und nette Menschen um mich, das ist das Wichtigste. Und ich freue mich an jedem Tag, an dem ich wieder erwache, an meinem Leben freue ich mich.

Wie stellen sie sich denn den Tod vor?

Oh. Daran darf ich nicht denken, davor habe ich Angst.
Ich meine, es ist ja schön wenn man einfach einschläft und nicht mehr aufwacht, aber daran denke ich noch nicht. Ich werde jetzt 80 und da denke ich noch nicht an den Tod, ich will noch ein bisschen auf dieser Erde bleiben.

Kindheit, Schule, Arbeitsleben: Woran erinnern Sie sich am liebsten?

An meine Straßenbahn. Ich bin zwar schon so lange raus aus der Straßenbahn, aber ich träume immer noch dass ich zur Arbeit gehe, ich komme nur nicht an.
Also ich bin die letzten 24 Jahre Straßenbahn gefahren. Davor habe ich Gelegenheitsarbeit gemacht, mal Serviererin oder Verkäuferin, und ein Kind groß gezogen.
Ich bin in Potsdam geboren und auch hier geblieben.

Ist das ein schwerer Job? Ich bin bis jetzt nur als Passagier Straßenbahn gefahren.

Wenn man das gerne macht, ist es nicht schwer. Und zu DDR-Zeiten war auch alles viel schöner, heute möchte ich auch keine Straßenbahn mehr fahren.

Warum war das früher schöner?

Naja, der ganze Zusammenhalt war viel schöner. Heute guckt doch keiner mehr den anderen an. Wenig Zeit, früher haben wir doch noch ein bisschen mehr Zeit gehabt.
Aber ich bin gerne gefahren. An manchen Tagen waren das nicht nur acht Stunden, sondern 16 Stunden, weil die Leute gefehlt haben. Es war ein schöner Beruf. Man muss dabei sein und man muss es gerne machen, wie bei jedem anderen Beruf auch, wie zum Beispiel Krankenschwester  oder das Pflegepersonal hier.

Habt ihr euch auch schon mal überlegt ob ihr Straßenbahnfahrer werden wollt?

Ja … ich hab früher mal davon geträumt

Da müsst ihr aber noch ein paar Jahre warten  * lacht * 
Wir hatten auch ein paar Schüler, wenn die aus der Schule kamen sind die immer in die Fahrerkabinen geflitzt. Die kannten wir dann schon.

Was ist denn nach Ihrer Ansicht der Unterschied in der Jugend von früher und heute?

Früher war alles schöner. Das einzige war, dass man nicht verreisen konnte, aber ganz ehrlich, ich wünsche mir die DDR zurück.
Ich hatte eigentlich eine schöne Kindheit. Es waren zwar Kriegsjahre und wir hatten wenig zu essen, aber unsere Mutter war so eine gute Köchin, die hat aus wenig gut kochen können.
Heute haben die Kinder es besser aus dem Grund, dass sie ihre Computer haben. Das ist vielleicht einfacher, wir mussten früher viel mehr mit dem Kopf denken.

Was ist Ihre Botschaft an die Jugend?

Tja, was soll ich denen mitgeben …
Auf dem Gehweg gehen, sich durchsetzen können, zu älteren Leuten nett und freundlich sein, das ist das wichtigste.

Wenn eine Fee zu Ihnen käme und Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich dann wünschen?

Gesundheit. Ich habe so schlimme Beine. Gesundheit ist das wichtigste im Leben, aber das kann dir keiner erfüllen, das kann auch der liebe Gott nicht erfüllen.

Was ist Ihnen heute im Leben wichtig?

Naja, Gesundheit, und dass ich essen kann was ich möchte.

Was essen Sie denn gern?

Fleisch. Aber das gibt es hier so selten. Aber sonst geht das mit dem Essen. Man verlernt das oft.

Spielen Sie denn gerne Karten oder Brettspiele?

Nö, das mach‘ ich hier nicht mehr. Früher habe ich das gerne gemacht.

Hatten Sie früher ein Lieblingsspiel?

Wir haben Mühle, Brücke und so was gespielt. Aber so viel Zeit hatten wir früher auch nicht. Das war ja nicht wie heute, dass man seine Arbeit macht und dann zwei bis drei Tage frei hat!
Da hattest du am Wochenende frei und dann stand garantiert der Fahrdienstleiter vor der Tür: „Kannste nicht kommen, der … ist krank geworden“.

In der Schule, wenn sie krank waren, sind Sie dann zuhause geblieben?

Ja, wenn wir richtig krank waren, dann sind wir zuhause geblieben. Musstest du ja, wenn du Fieber hattest oder so. Aber unsere Mütter haben uns mit dem ganzen Naturzeug relativ schnell hochgepäppelt. Heute gibt es ja nur dieses chemische Zeug.

Haben Sie früher irgendeinen Schabernack gemacht, an den Sie sich gerne erinnern?

Ja, Klingelzug und so was. Wenn wir als junge Leute vom Tanzen kamen, sind wir durch die Straßen gezogen und haben Klingelzug gemacht. Sonst haben wir aber keine Streiche gemacht, wir waren ja alle gut erzogene Kinder. In der Schule, wenn wir ausbüchsen wollten, haben wir die Mappen aus dem Fenster geworfen und sind dann ganz normal die Treppe runter.

Worauf sind Sie denn in ihrem Leben stolz?

Naja, darauf dass man die Kinder halbwegs gut erzogen hat.

Was ist denn Ihr Tipp für ein langes Leben?

Nicht rauchen und nicht trinken.

Haben Sie ein Lebensmotto?

Eigentlich nicht. Ich habe mein Leben gut gelebt, immer gut gegessen. Ich habe viele Schutzengel gehabt, bei vielen schlimmen Krankheiten.

Wie ist denn die Technik im Vergleich zwischen früher und heute?

Damit mussten wir halt leben. Ein Telefon haben wir nicht gekriegt. Und wenn, dann musste man ewig drauf warten. Aber eigentlich haben wir das gar nicht vermisst.
Einen Fernseher gab es bei meiner Mutter nicht, wir sind abends mit den Hühnern schlafen gegangen.
Im Fernsehen läuft ja auch nicht viel für euch, nur Geschieße. Ich gucke immer Zeichentrickfilme auf Kika.

Das Leben ist ein Buch

Portraits der Ausstellung

16 Portraits – 16 Gesichter von 16 Menschen, 16 Leben, 16 Geschichten.

Vom 28. November bis zum 31. Dezember 2017 ist die Ausstellung im Foyer der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam zu sehen. Erleben Sie dort die Begegnung von Jung und Alt.

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