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Gottfried Kunzendorf

Gottfried Kunzendorf

* 1930 in Berlin

Sein Zimmer ist eine Bibliothek. Und sein Kopf ein Geschichtsbuch. In Potsdam würdigt man den langjährigen Pfarrer der Bornstedter Kirche für seinen unermüdlichen Einsatz für die Restaurierung von Kirche und Friedhof. Bücher sind sein Lebenselixir. Sein Wissen gibt er gern weiter, z.B. in Vorträgen im Seniorenheim.

Worüber haben Sie heute schon gelacht?

Heute noch gar nicht. - Jetzt schon ein bisschen.  * lacht *

Was brauchen Sie, um zufrieden zu sein?

Na, zum Beispiel Bücher. Ich lese gerade ein Buch über den Koran, generell viel über Geschichte. Ich kann zum Glück noch ohne Brille lesen, aber nur auf einem Auge.

Kindheit, Schule, Arbeitsleben: Woran erinnern Sie sich am liebsten?

Eine lustige Sache: Im Krieg mussten wir aus Berlin weg, und da ging ich in Oberschlesien zur Schule. Wir haben Schneebälle geworfen und ich habe einen Lehrer getroffen, der Aufsicht hatte. Aber weil ich bekannt dafür war, schlecht zu werfen, haben sie alle verdächtigt, nur mich nicht. Das fand ich so lustig.
Aber Arbeit: Nach dem Studium habe ich gesagt, ich muss erst mal was Praktisches machen. Dann bin ich Arbeiter in einem Steinbruch geworden, das war sehr anstrengend. Aber es war mal ganz interessant zu sehen, unter welchen Bedingungen die Leute dort arbeiten.

Was prägte Ihre Jugend, und was prägt die Jugend heute?

Mich hat natürlich mein Elternhaus geprägt, und der Krieg. Wir mussten vor den Luftangriffen nach Grünberg fliehen, und 1945 mussten wir da wieder weg, weil die Russen kamen.
Wir hatten Glück, dass wir in Berlin bei Verwandten unterkommen konnten. Ich habe in der Schule Englisch gelernt, und da konnte ich Dolmetscher spielen in einer Küche, wo deutsche Frauen für die englische Besatzung gekocht haben. Da habe ich nach dem Krieg jeden Tag Essen und Zigaretten bekommen. Ich habe nicht geraucht, daher konnte ich die Zigaretten tauschen, die waren mehr wert als Geld. Ich habe sie gegen Kartoffeln und Gemüse eingetauscht, da hatten wir in den ersten schwierigen Monaten wenigstens was zu essen.

Was ist Ihre Botschaft an die Jugend?

Ich habe zwei Botschaften. Erstens: viele Sprachen lernen. Mein Mathelehrer hat immer gesagt: „Mathe könnt ihr zur Not noch nachholen, aber Sprachen lernt man am besten wenn man jung ist“.
Zweitens: Es ist gut, ein bisschen was auswendig zu lernen. Ein Bekannter von mir saß während des Kriegs in einer Gefängniszelle und meinte, er wäre verrückt geworden, wenn er nicht einige Lieder und Gedichte gekonnt hätte.
Die heutige Jugend lebt ja völlig von Computer und Handys, und ich weiß nicht, wie viel man in der Schule überhaupt noch auswendig lernt. Mir hat das immer eingeleuchtet, dass man Sachen im Kopf braucht, die einem nicht gestohlen werden können, und über die man zum Beispiel auch im Krankenhaus nachdenken kann.

Was ist Ihnen heute in Ihrem Leben wichtig?

Mir hat mal ein Arzt gesagt, es gibt drei Bereiche im Leben, die wichtig sind: Der erste Bereich ist Familie und Ehe, der zweite ist Anerkennung, der dritte Bereich ist Freude an der Arbeit.
Da gebe ich ihm absolut Recht, die drei Bereiche sind wichtig. Er meinte auch, dass Menschen psychisch krank werden, wenn zwei Bereiche fehlen. Einen Bereich kann man vielleicht überbrücken.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Mein Wunsch ist, dass ich mich noch eine Weile bewegen kann, geistig und körperlich. Und dass ich nicht so behindert werde wie einige andere hier im Heim. Und dass ich noch lesen kann.

Ihr Tipp für ein langes Leben?

Ich habe mal ein paar Jahre lang geraucht, das habe ich dann eingestellt und ich glaube, das war gut. Ich habe auch mal gerne Rotwein getrunken, das habe ich dann auch gelassen. Man muss lernen, das Maß zu halten. Man kann durchs Übertreiben ganz vernünftige Dinge durcheinander bringen.

Worauf sind Sie stolz in Ihrem Leben?

Ich bin eher dankbar. Es gibt viele Dinge in meinem Leben, die gut gelaufen sind, die aber nicht nur an mir lagen. Ich hatte oft Hilfe anderer Leute, die mich begleitet haben.  Oder manchmal muss man sagen, man ist behütet worden von Gott.
Wir waren am Ende vom Krieg in einem Zug, auf den oft Tiefflieger geschossen haben, und wir haben es überstanden. Dafür bin ich sehr dankbar.
Mit Stolz muss man sehr vorsichtig sein.

Sternstunde der Technik, früher und heute …

Also früher ... Ich persönlich bin froh, dass ich Radfahren gelernt habe. Ich habe viele Ausflüge gemacht, zum Beispiel mit Jugendgruppen nach Trier, das war für mich wichtig. Natürlich habe ich dann später auch Autofahren und Motorrad fahren gelernt.
Und heute finde ich mich nicht mehr durch. Von der digitalen Technik habe ich keine Ahnung.

Unterschiede in der Jugend, früher und heute?

Die Unterschiede kann ich schwer beurteilen, weil die Jugend sich dauernd ändert. Meine Erfahrung ist, alle paar Jahre ist die Jugend anders.
Also wir hatten im Krieg ja ganz andere Verhältnisse. Nach dem Krieg hatten wir dauernd Hunger, und heute höre ich, dass auf Schulhöfen so viel weggeschmissen wird. Das war damals völlig unvorstellbar. Wir haben früher trockenes Brot gegessen und waren froh. 

Aber die Ansprüche sind heute auch unvorstellbar. Obwohl es ja immer noch Kinder gibt, die nicht genug zu essen haben und sehr hungrig in die Schule kommen.
Und junge Leute, habe ich festgestellt, haben alle paar Jahre einen anderen Stil. Das, was die Gruppen ein paar Jahre vorher gemacht haben, davon machen sie heute genau das Gegenteil.

Ich habe neulich so einen Witz gehört: In der DDR gab es Geschäfte, wo man für viel Geld modische Kleidung kaufen konnte. Da stand ein junges Mädchen, und eine andere kam und meinte „Was stehst´n du hier? Haste keine Oma?“ - Weil bestimmte Moden sich immer so wiederholen.

Ich interessiere mich ja ein bisschen für Kunst. Zum Beispiel in der Reformationszeit, da war die Mode ja völlig verrückt, wie diese langen breiten Röcke. Ich habe das Gefühl, man ist heute liberaler. Damals war die Mode auch für bestimmte Stände geregelt, das haben wir heute ja auch nicht mehr. Aber diese breiten Röcke früher sind ja fast so verrückt wie diese ganz engen Hosen heute, oder sind das Strümpfe? Aber das ist ja ganz praktisch, dass man heute nicht so festgelegt ist.

Wie heißen Sie mit Vornamen?

Gottfried.

Das ist ein schöner Name, aber sehr alt. Was ist Ihr Lieblingsessen?

Ich bin Vegetarier. Aber ich habe früher gerne Hefeklöße mit Blaubeeren gegessen, und ich mag Obst.

Wann haben Sie Geburtstag?

Ich wurde an Silvester geboren, deswegen kann ich immer sagen, ich habe dieses Jahr noch mal Geburtstag. Ich bin jetzt 86. Mein Vater ist 92 geworden. Aber es ist schwierig wenn man nicht mehr alleine aufstehen oder essen kann. Deswegen denke ich, es ist manchmal gar nicht so gut, so alt zu werden.

 

Das Leben ist ein Buch

Portraits der Ausstellung

16 Portraits – 16 Gesichter von 16 Menschen, 16 Leben, 16 Geschichten.

Vom 28. November bis zum 31. Dezember 2017 ist die Ausstellung im Foyer der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam zu sehen. Erleben Sie dort die Begegnung von Jung und Alt.

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