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Erich Peitsch

Erich Peitsch

* 1931 in Nitzwalde

Worüber haben Sie heute schon gelacht?

An und für sich lache ich nicht so schnell. Wenn man das Wetter draußen sieht, vergeht einem das Lachen. Dann kann ich nämlich nicht draußen rumlaufen.
Es freut mich innerlich, wenn ich meine CDs einlege. Im Radio sind nur Reportagen oder englische Musik. Das mache ich dann immer wieder aus, furchtbar.

Und wenn schönes Wetter ist, gehen Sie gerne raus?

Mit dem Rollator, frei laufen kann ich nicht, weil ich hin und wieder Schubbser kriege.
Ich wäre eigentlich lieber in meiner vorherigen Wohnung, aber ich muss ja meinem gesundheitlichen Zustand nachgeben.

Wie lange sind Sie schon hier?

Ich bin im August 2015 hergekommen. Da bin ich noch mit meiner Frau zusammen rein, die ist aber 2015 gestorben.

Was brauchen Sie, um zufrieden zu sein?

Am liebsten wäre mir meine Gesundheit! Aber ich muss ja damit leben, da kann ja keiner was dafür.
Meine Zufriedenheit stille ich durch meine CDs. Außerdem haben wir hier einen Senioren-Sportraum, Gedächtnistraining, und solche Sachen. Ich denke, solange ich das noch wahrnehmen kann – ich bin ja schließlich schon 85 Jahre alt.

Haben Sie Lieblingsmusik?

Deutsche Musik, das ist wichtig. Ich kann ja schließlich kein Englisch. Auch die Deutschen Interpreten singen ja mittlerweile in Englisch, anscheinend ist da mehr zu verdienen.
Ich höre gerne Volksmusik und – naja - auch Operetten. Rock´n Roll und Beat, das ist ja zu meiner Zeit auch in gewesen, aber das mag ich nicht.

Kindheit, Schule, Arbeit: An was erinnern Sie sich am liebsten?

Meine Schulzeit war sehr zerrissen. Ich wurde ja vor dem Krieg geboren, 1931. Zur vierten Klasse kam dann die Flucht, da war dann die Schule zu Ende.
Meine Ausbildung habe ich dann in der DDR an der Volkshochschule gemacht, und da war ein recht gutes Angebot. Auch wenn das Gesellschaftspolitische immer sehr geprägt wurde, es gab daneben auch andere Fächer.
Ich habe 1945 erst mal Stellmacher gelernt, das ist ein Wagenbauer. Das gibt es heute gar nicht mehr, aber das war damals sehr wichtig, um die Landwirtschaft wieder voran zu bringen.
Es war ein sehr schwerer Beruf, den konnte ich irgendwann nicht mehr ausüben.
Dann habe ich in der Uhrenindustrie gearbeitet und nebenbei meinen Abschluss gemacht an der Hochschule in Jena. 1969 war das zu Ende, danach habe ich als Konstrukteur gearbeitet, im Maschinenbau, bis zur Wende. Dann bin ich erst mal in den Vorruhestand gegangen.

1939 haben wir das erste Mal die Front erlebt, und 1945 kamen ja dann die Russen. Zehn Tage lang sind wir gefahren, in so einem Viehwaggon, bei  Minus 20 Grad. Da war das Eis zentimeterdick an den Wänden und viele sind gestorben, gerade Kleinkinder. Ich war ja auch erst 14 Jahre alt, eigentlich auch noch ein Kind.
Heute könnte ich nicht mehr als Konstrukteur mithalten. Früher haben wir noch am Zeichenbrett gestanden, und heute haben alle Handys und Computer.

Was prägte Ihre Jugend und was prägt die Jugend heute nach Ihrer Ansicht?

Also bei uns mussten wir nach dem Krieg erst mal zusehen, dass wir was zu essen kriegen. Wir sind dann in unserer Freizeit aufs Land gegangen und haben beim Bauern Ähren gesammelt, wir haben aber auch Sachen aus dem Straßengraben gegessen. Also die Blätter, die da gewachsen sind, die Jauche nicht.  * lacht *   Wir haben uns selber Latschen gebaut, ich habe zum Beispiel aus Autoreifen Sohlen geschnitten.
Und die heutige Jugend lässt sich sehr durch die Handys ablenken, das finde ich zu viel. Ich meine, es ist schon wichtig und ich bedaure es, dass ich da hinterher bin. Aber was soll ich mir in meinem Alter einen Computer kaufen. Ich könnte ja in einem Jahr schon tot sein.

Ich hoffe nicht!

Ja, aber mit 85 muss man damit rechnen.
Und vor allen Dingen stört mich an der Jugend … Ich meine, wir haben auch viel Unsinn gemacht. Aber die Jugend heute, die ist immer gleich ein bisschen frech. Nicht alle, muss ich sagen, es gibt wirklich viele, die in der Straßenbahn sehr interessiert mit einem reden und für einen aufstehen.
Die Jugend entwickelt sich in eine ganz andere Richtung, aber das liegt auch an der Zeit. Man beschäftigt sich eben mit anderen Dingen.

Was ist Ihre Botschaft an die Jugend?

Gebt nie das Lernen auf, auch wenn ihr glaubt, es ist für die Katz´. Irgendwann wird es gebraucht – das Meiste nicht, aber die Randerscheinungen, die ihr aus dem Lernen zieht, bringen euch weiter.

Was ist Ihnen heute in Ihrem Leben wichtig?

Da muss man zwei Seiten sehen. Auf der einen Seite ist mir meine Gesundheit wichtig. Auf der anderen Seite das Verständnis unter den Menschen. Ich habe den Krieg erlebt, und das Elend, und heute hat man es wieder. Nicht hier, aber in anderen Ländern. Dass man in Frieden leben kann, ist mir wichtig.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Das habe ich ja grade gesagt. Gesundheit für mich und auch für die anderen Menschen, und Frieden.

Ihr Tipp für ein langes Leben?

Man darf nicht frühzeitig sterben, dann lebt man auch lange. * lacht *
Es heißt ja immer so schön: gesund leben, bisschen Sport treiben, bisschen Bewegung ist wichtig. Ich mache auch heute noch das, was ich kann, und ich dusche immer noch kalt.

Was war Ihr schönster Moment in Ihrem Leben?

Der schönste Moment war, dass ich eine Frau gefunden habe, mit der ich dann fast 60 Jahre zusammen war, verheiratet. Und wir haben uns gut verstanden, wir haben auch ein Kind.
Mein Sohn ist 54 Jahre alt, wohnt auch in Potsdam, ist verheiratet und hat Kinder. Er kommt mich sehr oft besuchen.

Das Leben ist ein Buch

Portraits der Ausstellung

16 Portraits – 16 Gesichter von 16 Menschen, 16 Leben, 16 Geschichten.

Vom 28. November bis zum 31. Dezember 2017 ist die Ausstellung im Foyer der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam zu sehen. Erleben Sie dort die Begegnung von Jung und Alt.

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